
In einer edlen Karosse mit getönten Scheiben waren wir vom Flughafen direkt vor unser Hotel gefahren worden. als ich diese Fahrt und das Hotel von der Schweiz aus buchte, weil ich nicht Lust hatte, nach einer Reise von 16 Stunden auch noch meinen Wege durch eine fremde Grossstadt suchen zu müssen, war mir nicht bewusst, dass es derart edel zu und her gehen sollte. Wie selbstverständlich gingen wir, nachdem wir ausgestiegen waren, ans Heck des Wagens, um unsere Koffer vom Chauffeur in Empfang zu nehmen. Da stürzte aber ein Portier herbei und bestand gestikulierend darauf, beide unsere Koffer in die Hotelhalle zu tragen. Mindestens zwei Köpfe kleiner als wir, musste er die arme stark anwinkeln, um die Koffer vom Boden zu heben, und unter der Last von knapp 40kg drohte er auf der Stelle in den Erdboden zu versinken.
In der Hotelhalle quoll uns ungewohnte Musik und ein seltsamer Geruch entgegen. Ein Geruch von dem wir erst später erkannten, dass er von Räucherstäbchen herrühren musste, wie sie in buddhistischen Tempeln zu Hauf abgebrannt werden. Während unsere Papiere und Reservationen am Empfang des Hotels geprüft wurden, versuchte der kleine Portier, der in der Nähe geblieben war, uns die seltsame, fremdländische Musik zu erklären, die die beeindruckend grosse, mit roten Teppichen ausgelegte Halle erfüllte. Wir verstanden kein Wort, auch wenn er seine ausführungen mit einem wahren Tanz untermalte und wir den Eindruck hatten, dass er wohl Englisch sprach. Wir dankten mit einem freundlichen Lächeln und er lächelte freudig zurüch und sagte „Xie-xie, xie-xie…!" was wohl vielen Dank heissen musste. Noch während die Dame am Empfang uns die Zimmerschlüssel übergab und uns einen angenehmen aufenthalt wünschte, hatte der dienstbare Portier schon wieder unsere Koffer gepackt und war losgestürzt, uns unser Zimmer zu zeigen. Und da plötzlich waren wir wieder unter uns, mein arbeitskollege und ich, in unserem Hotelzimmer für die nächsten Tage, während derer wir an einem Informatiker-Kongress teilzunehmen und vorzutragen hatten. Welch' ein Empfang in Taipeh, der Hauptstadt von Taiwan!
Es hatte sich bald abgezeichnet, dass diese Möglichkeit, aus beruflichen Gründen in den fernen Osten zu reisen, eine meiner aufregendsten Reisen werden würde. Ich war von anfang an nicht bereit, diese Gelegenheit meiner Blutgerinnungsstörung wegen nicht beim Schopf zu packen. Nach einigen Vorbereitungen habe ich mich dann auch mit viel Zuversicht und nur wenigen Sorgen in das abenteuer gestürzt und bin auch heil zurückgekommen. Hier eine Zusammenstellung meiner Vorbereitungen und Erfahrungen.
Begleiter trägt's mit Fassung
Glücklicherweise hat es sich in meinem Fall so ergeben, dass wir zu zweit an diese Konferenz fliegen konnten. Ich hätte einigen Respekt, alleine in ein fernes, fremdes Land zu reisen, dessen Landessprache ich weder spreche noch verstehe. Nicht dass dies einfach von vornherein nicht ginge, aber die Chancen sind mit Begleitung einfach grösser, dass mindesten einer einen kühlen Kopf bewahrt und mit den ortsansässigen &aUML;rzten und Behörden zusammenarbeiten kann. Gerade diese aufgabe können aber Begleiter nur dann wahrnehmen, wenn sie zuvor gut und möglichst umfassend informiert werden.
Ich habe meinem arbeitskollegen einen ganzen abend lang von Hämophilie und meiner speziellen Variante (afibrinogenämie) erzählt, von Ursachen und Wirkungen, von Behandlung und Komplikationen, wie das Medikament aussieht und wo ich es transportiere. Ich habe ihm auch von Erfahrungen erzählt, von eigenen und von denen hämophiler Kollegen. Darunter zum Beispiel auch von Hirnblutungen, davon dass diese art von Blutung bei Leuten wie mir häufiger vorkommt als bei anderen und davon, dass sie lebensgefährlich ist. Das ist zugegebenermassen nicht gerade die feine englische art, und ich behaupte auch nicht, dass man unbedingt so unverblümt informieren muss. aber ich bin überzeugt, dass ein Reisebegleiter in einem Notfall besser reagieren kann, wenn er sich auf das schlimmste vorbereitet hat. Bei meinem Kollegen hat dies auf alle Fälle gut geklappt, und ich werde es wohl auch weiterhin so halten.
Brücken nach Hause
Für Begleiter und behandelnde &aUML;rzte im ausland sind Kontaktinformationen in der Schweiz wichtig. So können sie in Notfällen bei Leuten, die den reisenden Hämophilen kennen, um Rat nachfragen und eventuell Massnahmen koordinieren. Ich habe zu diesem Zweck ein Blatt zusammengestellt, auf dem die adressen von angehörigen, die adresse meines behandelnden arztes und des Hämophiliezentrums mitsamt Notfallnummer, und die adresse der REGa aufgeführt sind. Die Notfallnummer ist dabei nicht zu unterschätzen, denn wegen den elf Stunden Zeitverschiebung zwischen Taiwan und der Schweiz kommen Telephonanrufe zu taiwanesischen Bürozeiten zu nachtschlafender Zeit in der Heimat an. Das erwähnte Blatt habe ich dann während der Reise immer auf mir getragen und eine Kopie davon auch meinem Begleiter gegeben.
Die angehörigen und vor allem das Hämophiliezentrum waren über meine Reise informiert. Mein behandelnder Hämophilie-arzt aus der Schweiz hat mein Dossier während dieser Zeit für den Notfallarzt gut zugänglich und mit Notfallanweisungen versehen bereit gelegt. Notfallanweisungen sind nötig, weil auch mit Hämophilie vertraute &aUML;rzte nicht unbedingt über afibrinogenämie im Bild sind.
Hochwertiges Gesundheitswesen vor Ort
Mein Reflex bei einem Notfall im ausland ist üblicherweise, zurück in die Schweiz zu wollen. Ween allerdings der anfahrtsweg genügend lang ist, kann man diese Intuition nicht als vernünftig bezeichnen. In meinem Bestreben für den Notfall einen Rückflug zu kriegen, sagte mir der für den fernen Osten Zuständige der REGa, ohne zu zögern und ohne einen Widerspruch zuzulassen, dass die REGa aus dem fernen Osten keine Repatriierungsflüge durchführt. auf dem Weg nach Südostasien müsste der Sanitätsjet der REGa auch etwa vier mal zwischenlanden und wäre hin und zurück wohl etwa zwei oder drei Tage unterwegs. Die Swissair sichert keine bevorzugte Behandlung für den Notfall zu. Dies würde auch nicht zwingend etwas bringen, denn die Swissair fliegt nur zwei mal pro Woche nach Taiwan. Die REGa organisiert allenfalls Verlegungen aus medizinisch schlecht versorgten Ländern in Länder mit besserem Gesundheitswesen innerhalb der Region. In Südostasien werden Verlegungen öfters nach Hong Kong durchgeführt. allerdings hat mir der Mann von der REGa zu verstehen gegeben, dass ich da wohl besser gleich in Taipeh bleibe. Er habe erst kürzlich bei einem Besuch in Taipeh persönlich feststellen dürfen, dass das Gesundheitswesen in Taiwan auf hohem Stand sei.
Fernöstliche Hilfsbereitschaft
Somit habe ich mich also darauf eingestellt, dass in einem Notfall eine Behandlung in Taiwan selbst optimal von statten gehen muss. als erstes habe ich versucht, ein Hämophilie-Behandlungszentrum zu finden. Dies ist mir allerdings auf anhieb nicht gelungen. Die erste Quelle für internationale Kontaktadressen ist üblicherweise die World Federation of Hemophilia (WFH). Sie publiziert auf Internet Kontaktadressen für alle ihre Mitgliedorganisationen (http://www.wfh.org/passport). Leider scheinen die Hämophilen in Taiwan nicht innerhalb der WFH organisiert zu sein, so dass sich zu Teiwan keine adressen fanden. Der Ostasien-Experte der REGa hat mir in Taipeh zwei Spitäler angeben können, die er bei seinem Besuch als hochklassig eingestuft hat, zu Hämatologie-Spezialisten wusste er aber nichts. So habe ich die Organisatoren des Kongresses, an dem ich teilnehmen sollte, gebeten, eine adresse eines Spitals mit Hämatologie-abteilung herauszufinden. Wider erwarten habe ich nach wenigen Tagen per e-Mail drei adressen erhalten, von denen zumindest eine mit „Blood Department" gekennzeichnet war!
auf den ersten anhieb hatte ich nun das Gefühl, es sei alles im Butter. Im Notfall würde ich mich also einfach in einem Taxi in eine Klinik mit spezialisierter abteilung fahren lassen, kein Problem. Nicht ganz! In einem Reiseführer über Taiwan las ich, dass die meisten Taxifahrer kein Englisch können und normalerweise auch unsere Transkriptionen der chinesischen Namen nicht kennen! Da musste ich meinem Kollegen aus der Kongress-Organisation nochmals auf die Nerven gehen. Meiner Bitte um einen Fax mit den Spital-adressen in chinesischer Schrift kam dieser aber umgehend nach. Diesen Fax werde ich als andenken sicher noch lange aufbewahren. Hier ein ausschnitt:
auch Pharma-Riesen sind nicht überall
Etwas weniger erfolgreich war meine anfrage bei Centeon, dem Hersteller meines Gerinnungspräparates. Ich dachte mir, es wäre vielleicht nützlich mein Präparat, welches nicht selbstverständlich in jedem Spital vorhanden ist, in Notfällen auch in grösseren Mengen auftreiben zu können. Meine anfrage bei Centeon wurde zwar sehr zuvorkommend behandelt aber das Resultat, dass Centeon in asien lediglich Filialen in Singapur, in China und auf den Philippinen habe, hat mich wenig zuversichtlich gestimmt. Ich musste also meinen Bedarf auf alle Fälle aus der Schweiz mitnehmen, auch für Notfälle. Zu den Medikamenten liess ich mir von meinm Hämophiliezentrum Papiere austellen. Ein Brief richtet sich an Behörden, welche eventuell am Zoll auf den „Stoff" aufmerksam werden könnten. Ein paar erklärende Worte helfen bei einer Einfuhr. Man bedenke dabei, dass in vielen Ländern Südostasiens die Todesstrafe auf Drogenhandel steht und verdächtige Situationen entsprechende skeptisch angegangen werden. Ein zweiter Brief vom Hämatologie-Spezialisten aus der Schweiz richtet sich an einen eventuell behandelnden arzt, vielleicht muss man sich ja mal versorgen lassen, ohne in der Nähe eines Hämatologie-Zentrum zu sein. Natürlich wäre es gut gewesen, diese Dokumente in Chinesisch zu erstellen. Das war aber nicht möglich. Englisch sollte eigentlich in Spitälern und am Zoll reichen, glücklicherweise hatte ich nicht Gelegenheit, dies überprüfen.
Echte Touristen
Schlisslich bin ich mit einem guten Gefühl nach Taiwan gereist. Während des zwei Wochen dauernden aufenhaltes hatte ich keine Zwischenfälle zu vermelden und war in keinem Spital. Es begegneten mir also keine Schwierigkeiten. Naja, fast keine. Mehrere Male mussten wir einsehen, dass Orientierungssinn auf Chinesisch etwas anderes ist, als wir es uns gewohnt waren. Sobald man an einem fremden Ort auch nur eine Strasse verpasst hat, ist man leider ziemlich verloren, denn kein unbescholtener Westler kann chinesische Strassenschilder entziffern. Dies hatten wir bereits in unseren ersten Tagen in der Hauptstadt festgestellt. Dort konnten wir wenigstens häufig darauf zählen, dass früher oder später ein Passant auch etwas Englisch verstand. Da wir aber für eine weitere Woche durch das Land Reisen wollte und gelesen hatten, dass schon wenige Kilometer vor den Toren der Hauptstadt nur noch wenige Leute eine zweite Sprache sprechen, liessen wir uns auf einen richtigen asiatischen Touristentrip ein. Zusammen mit etwa 40 Japanern besuchten wir während einiger Tage wohl alle Sehenswürdigkeiten Taiwans und auch noch einiges, das nicht sehenswert war. Währand dieser Zeit waren wir mit aufklebern für jedermann ersichtlich als Touristen gekennzeichnet, damit wir auch sicher nicht verloren gingen. Dies war für mich eine gänzlich neue Erfahrung! Zwar habe ich heute etwas mehr Verständnis für asiaten, die sich im Rudel durch die Schweiz schleusen lassen. Wenn man sich nicht veständigen kann, hat man kaum eine Wahl. Trotzdem hat mich das ganze für meinen Geschmack etwas stark an Schulreisen in der Grundschule erinnert…
von Claudio Lottaz